Papilio Somniorum
Beobachtung durch Erasmus von Wunnthal, in der dritten Nacht am Rand des Seelenteichs
Von allen Geschoepfen, denen ich in Taflorien begegnete, ist der Traumfalter das fluechtigste. Kein Auge vermag ihn zu fassen, kein Netz ihn zu halten. Man erkennt seine Anwesenheit allein am Laut seines Fluegelschlags – einem Ton, der nicht durch die Luft, sondern durch das Bewusstsein selbst getragen wird. Es ist, als klopfte jemand sanft an die Schwelle zwischen Wachen und Schlafen.
Ich lag in jener Nacht bei geoeffnetem Zelteingang, als ein solcher Klang mein Ohr erreichte – kaum hoerbar, doch spuerbar, wie eine Erinnerung an Musik. Als ich am Morgen erwachte, fand ich im Lehm feine Abdruecke kleiner Fuesse, nicht die meinen, nicht menschlich, doch zart, beinahe ehrfuerchtig gesetzt. Seitdem bin ich ueberzeugt, dass der Traumfalter sich von den Traeumen naehrt, die er hervorruft.
Seine Gestalt, so berichten die Taflorier, ist aus Licht gewebt. Einige beschreiben seine Fluegel als schillernd wie Mondhaut, andere sagen, sie bestuenden aus der duennsten Schicht Nebel, die je vom Morgen zurueckgelassen wurde. Niemand hat ihn je tot gesehen. Die Alten meinen, der Falter endet nicht – er erinnert sich nur zu lange an das Fliegen und vergisst dabei zu landen.
Deutung und Gebrauch durch die Taflorier
In den Haeusern der Schlafkundigen haengt man kleine Gefaesse mit Traumduft aus den Blueten des Somniblum, um die Falter anzulocken. Sie gelten als Boten der guten Traeume, und Kinder, die in ihrer Naehe schlafen, erwachen oft mit Bildern von Orten, die niemand kennt. Die Taflorier sagen dann, das Kind sei „geborgt“ gewesen – ein Ausdruck fuer jene kurzen Besuche im Land hinter dem Schlaf, wo die Falter ruhen.
Einige Seher sammeln angeblich den Staub aus der Luft, wenn ein Traumfalter vorbeizog. Daraus gewinnen sie eine blasse Tinktur, die sie auf die Lider streichen, um das Erwachen hinauszuzoegern. Ich sah einen solchen Seher drei Tage in ruhigem Schlaf verharren, die Lippen bewegt, als spraeche er mit jemand Unsichtbarem.