Arbor Speculata
Beobachtung durch Erasmus von Wunnthal, im dritten Jahre seiner Expedition in das Thal der Lumen
Unter allen Gewaechsen Tafloriens gebuehrt dem Spiegelbaum wohl der Rang des Wunders. Er erhebt sich bis zu einer Hoehe, die man kaum zu ermessen wagt; und doch scheint er aus keinem Samen hervorgegangen, sondern wie von innen heraus gefaltet worden zu sein. Seine Aeste entrollen sich nicht im Wachstum, sondern im Erwachen — als wuerde das Holz selbst Erinnerung an eine andere Form tragen und sich, dem Licht folgend, daran erinnern.
Wo Blaetter zu erwarten waeren, traegt er duenne Lamellen von metallischem Glanz, so zart wie geschmiedetes Silber und doch biegsam wie Schilf. Jede von ihnen schwingt in leichtem Takt, faengt das Licht und sendet es in tausend Richtungen zurueck. Zur Mittagsstunde steht man in seinem Schatten und wird doch geblendet; der Baum scheint nicht Dunkel zu spenden, sondern das Licht zu teilen.
Ich bemerkte ferner, dass sich die Spiegelbaeume in vollkommener Stille entfalten, doch sobald Wind aufkommt, entsteht ein flirrendes Klingen, als stroemte ein Chor aus Glas durch die Thaeler. Die Taflorier nennen diesen Laut Cantus Solis – den Gesang der Sonne. Manche behaupten, der Baum erinnere sich so an alles Licht, das er je gesehen hat, und gebe es wieder von sich, um es der Nacht zu entreissen.
Deutung und Gebrauch durch die Taflorier
Fuer die Bewohner der Lumen-Ebene gilt der Spiegelbaum als heiliger Waechter zwischen Tag und Traum. Sein reflektiertes Licht wird in polierten Schalen gesammelt, um in den Haeusern waehrend der Dunkelzeiten eine sanfte Helligkeit zu bewahren. Einige Heiler reiben feines Pulver aus seiner abgeblaetterten Rinde auf die Augen der Blinden; nicht um das Sehen zurueckzubringen, sondern um „die Erinnerung des Lichts“ in ihnen zu wecken.
Alte Geschichten erzaehlen, dass die Spiegelbaeume einst Menschen waren – Wesen, die das Licht so sehr liebten, dass sie aufhoerten, Schatten zu werfen. Man sagt, wer zu lange unter ihren Aesten verweilt, erkennt im flirrenden Glanz nicht mehr die Welt, sondern sich selbst – und kehrt danach veraendert zurueck.