Prooemium
Aufgezeichnet zu Wunnthal im dritten Jahre nach meiner Rueckkehr aus Taflorien
Es ist ein sonderbares Gefuehl, in den spaeten Stunden der Nacht die Feder zu fuehren und die Schatten der Erinnerung zu beschwoeren. Seit meiner Rueckkehr aus jener Welt, die man gemeinhin nicht kennt und die doch in mir fortlebt wie eine zweite, leuchtendere Schicht der Wirklichkeit, vergingen nunmehr acht Jahre. Acht Jahre, in denen ich dort weilte – und acht weitere, in denen ich hier bin, aber nicht ganz.
Ich nenne diese Aufzeichnungen Observationes Tafloricae, denn Beobachtung war es, womit ich begann, und Beobachtung ist es, womit ich nun zu enden hoffe. Doch schon waehrend jener fruehen Expeditionen in die flirrenden Ebenen, in denen selbst der Wind eine Art Bewusstsein zu besitzen scheint, merkte ich: Die blosse Betrachtung genuegt nicht. Man kann Taflorien nicht studieren, ohne von ihm studiert zu werden. Es ist eine Welt, die zurueckblickt.
Wie ich dorthin gelangte, ist schwer zu sagen. Ich koennte berichten, dass ich einem phosphoreszierenden Phaenomen im Moor von Klingenried nachging, das in jener Nacht den Himmel gruenlich erhellte. Oder dass ich einer Theorie folgte, nach der die Grenzen der Welt an den Punkten am duennsten sind, wo Traum und Erinnerung sich kreuzen. Doch waere das die Wahrheit? Vielleicht. Vielleicht auch nur ein Versuch, das Unsagbare in die Sprache der Geographie zu zwingen. Sicher ist nur: Ich trat ein – und die Welt, die ich kannte, trat zurueck.
Taflorien war kein Paradies im herkoemmlichen Sinn. Es war nicht fehlerlos, nicht immer sanft, doch es besass eine innere Guete, die alles durchdrang. Die Pflanzen atmeten wie Thiere, und die Thiere ruhten wie Pflanzen; nichts kaempfte, alles suchte. Selbst der Stein, den ich hob, schien zu lauschen. Ich verbrachte dort acht Jahre meines Lebens, obgleich die Zeit dort anders floss – vielleicht laenger, vielleicht kuerzer, ich vermag es nicht zu sagen. Ich errichtete mein Lager am Rande eines glaesernen Waldes, dessen Baeume bei Nacht in traeumerischem Blau leuchteten. Ich zeichnete ihre Pollen, ihre Stimmen, ihre Sanftmut. Ich lernte, dass dort selbst der kleinste Kaefer ein Bewusstsein fuer Harmonie zu besitzen scheint, als sei das Leben selbst dort die Form einer hoeflichen Konversation.
Meine Werkzeuge – Kompass, Chronometer, Barometer – versagten allesamt in jenen ersten Wochen. Die Nadeln zitterten, die Skalen verschoben sich, als wuerden sie die neuen Gesetze nicht anerkennen. Ich war gezwungen, das Vertrauen in meine Sinne zu erneuern. So lernte ich zu sehen, ohne zu messen, und zu verstehen, ohne zu vergleichen. Vielleicht war dies die wahre Wissenschaft jener Welt: nicht die Beherrschung, sondern das Verstehen als stille Gefaehrten.
Viele Male glaubte ich, einen Sinn zu erkennen. Doch jedes Mal, wenn ich ihn greifen wollte, loeste er sich auf wie eine Spur im Morgennebel. Und jedes Mal blieb statt Enttaeuschung ein leises Laecheln zurueck – als haette die Welt selbst, verschmitzt und freundlich, gefluestert: „Nicht heute, Erasmus, noch nicht.“
Ich traf auf Geschoepfe, die halb aus Licht und halb aus Geduld bestanden, auf Pflanzen, die durch den Atem des Betrachters ihre Farbe wechselten. Ich vernahm Gesaenge aus Hoehlen, in denen niemand lebte, und beobachtete Wasser, das nicht floss, sondern sich erinnerte. Und doch war alles still, friedlich, von einer Ordnung, die weder menschlich noch goettlich war, sondern etwas Drittes, Sanfteres, das ich bis heute nicht benennen kann.
Als die Zeit kam, da ich wieder erwachte – oder, wenn man will, zurueckkehrte –, fand ich mich an eben jener Stelle im Moor von Klingenried wieder, an der mein Abenteuer begonnen hatte. Die Nacht war dieselbe, der Wind war kuehl, und doch trug er den Duft einer Welt, die ich nicht mehr sehen konnte. Meine Notizbuecher waren unversehrt, doch zwischen den Zeilen haftete ein feiner, suesser Geruch – wie von Blueten, die hier nicht wachsen.
Ich habe versucht, die Gesetze jener Welt zu uebertragen, sie in unsere Sprache zu bannen, und doch spuere ich, wie armselig Worte sind, wenn sie sich gegen das Fremde behaupten muessen. Dies ist kein Lehrbuch, keine strenge Systematik; es ist eine Erinnerung, die sich als Wissenschaft verkleidet. Moegen kuenftige Leser dies verzeihen.
Manchmal, wenn ich spaet in der Nacht das Ticken der Uhr hoere, meine ich, es sei nicht das Pendel der Zeit, sondern der ferne Herzschlag Tafloriens, der in den Zwischenraeumen des Alltags weiterschlaegt. Dann halte ich inne und spuere den sanften Drang, aufzubrechen – nicht fort, sondern zurueck. Doch ich weiss: Man betritt Taflorien nur einmal, und es laesst einen nie ganz los.
So lege ich diese Aufzeichnungen in die Haende derer, die noch staunen koennen. Moegen sie darin keine Antworten finden, sondern Wege. Denn die Wege sind es, die Taflorien liebt.
Erasmus von Wunnthal
Anno Domini MDCCCXLVIII